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Die transzendentale Idee:
Das Handwerk der Literatur hat Aspekte, die, wenn sie schon nicht gelehrt werden können, dennoch erlernt werden können. Das schließt solche Dinge ein wie Beschleunigung oder Verlangsamung, Brüche, Übergänge, Ton, den Beginn und Schluß von Szenen, Arrangement von Sätzen, Absätzen, Kapitel. Hauptsächlich: Struktur, Struktur, Struktur.
Im Gegensatz dazu steht der Aspekt von Literatur, der nicht erlernt werden kann: die Geschichte. Was der Autor zu erzählen hat. Jeder kann mit Talent, Bemühung und Interesse eine uninteressante und ansonsten unbrauchbare Geschichte lesbar, aufregend, sogar dringlich machen. Die Sache, die kein Aufwand an Talent herstellen kann, ist Resonanz. Sie kann nur von der Geschichte selbst kommen, ob sie der Schriftsteller nun aus seinem eigenen Leben genommen hat, aus dem Leben von Freunden oder Bekannten, von einem Fremden, aus der Geschichte, aus einem Zeitungsartikel, einer belauschten Unterhaltung oder aus der eigenen Vorstellungskraft. Die Art von Geschichte, die, wenn unvermeidlicherweise jemand fragt, „Worum geht es?", die Antwort hervorruft, „Das ist etwas, das ich gerne lesen würde." Die Art von Geschichte, die lästige Fremde dazu bringt, dem Autor zu sagen, „Nun, das ist etwas, worüber du unbedingt schreiben solltest."
Der Autor mag diese Geschichte niemals schreiben, mag überhaupt kein Interesse an ihr habe, aber der Punkt ist, daß die Geschichte als solche interessant ist, ganz ohne die Insignien und Ausschmückungen des Schreibens. Die meisten Leser würden eher zu einfacher Prosa in einer naturgemäß bezwingenden Geschichte greifen, als eine bedeutungslose Geschichte lesen, die durch Perfektion ausgezeichnet ist.
An der Spitze dieser beiden Elemente von Prosa und Geschichte steht die Idee, wie man es nennen könnte. Vielleicht ist es das, was als Inspiration bekannt ist. Die Sache, welche die Erfindung universell macht, sie über ihren Gegenstand hinaushebt und für die Menschheit relevant macht. Es ist die Idee, die große Fiktion von lediglich guter Fiktion unterscheidet. Die Art außerweltlichen Genies, die nicht durch einen großen Einsatz harter Arbeit erreicht wird, sondern nur in Begriffen der Magie erklärbar erscheint.
Es ist ein gesegneter Autor, der das Glück hat, alle drei dieser Elemente in einem Werk wenigstens einmal in seinem Leben zusammenzubringen.
Das Problem, auf das ich mit vielen Autoren gestoßen bin, ist, daß sie sehr oft gerade den einen Aspekt ermangeln, der erlernt werden kann. Das Handwerk.
Die Wahl, über welche Geschichte man schreiben möchte, hat wirklich mehr zu tun mit Geschmack und scharfsichtigem Temperament. Es gibt Autoren, die lieben Geschichten über die Unterdrückten der Gesellschaft, über Verrückte und Süchtige, Kriminelle und emotional Instabile. Andere bevorzugen ruhige, häusliche Geschichten. Andere haben eine Vorliebe für Sex und Gewalt. Andere konzentrieren ihre Bemühungen auf Dinge des Schicksals. Einige versuchen alles davon in einen ausschweifenden, epischen Roman zu packen, mit einer Auswahl von Schwerpunkten des Lebens, die sie entweder am meisten interessieren oder am besten als Metapher dafür dienen, was der Autor über die Menschlichkeit zu sagen hat.
Einige Autoren legen ihren Finger auf den „Zeitgeist". Andere berühren eine Saite der Jungen, der Alten, des einen oder anderen Geschlechts, dieser oder jener ethnischen Gruppe. Ihre Popularität kann gewiß in dem beschränkt sein, worüber sie zu schreiben entschieden haben, aber das berührt in keiner Weise die Qualität ihrer Literatur oder die Ernsthaftigkeit und Bedeutung ihrer Bemühungen, sofern sie die Kunst betreffen. Man kann niemand für das verurteilen, worüber er sich zu schreiben entschlossen hat - du bist schließlich derjenige, der das Buch in die Hand genommen hat - aber man hat jedes Recht, über einen Autor empört zu sein, der einen mit einer interessanten Geschichte verlockt hat, ohne daß dies von einer guten Erzählweise eingelöst wird.
Zur transzendentalen Idee - du wirst es wissen, wenn sie trifft. Bis dann hast du entweder auf sie zu warten oder weiter im Dunklen nach ihr zu stochern, Geschichte für Geschichte und Roman für Roman bis alles zusammenkommt, wonach du deinen Hut an den Nagel hängen kannst oder es noch ein weiteres Mal versuchen.
Artikel geschrieben von: Brian Fleming Brian-F@WriteMovies.comÜbersetzt von: Bernd Liepold-Mosser, Dr.phil. Studium in Wien, Autor. Mehrere Publikationen und Theaterstücke, Auftragswerke. Aktuell: "Bartleby", nach einer Kurzgeschichte von Hermann Melville (Premiere Mai 2001, Schauspielhaus Düsseldorf), "Familienalbum. Eine Komödie", "Mondwelt. Ein Stück" (über die Dichterin Christine Lavant; gem. mit Ute Liepold: UA voraussichtlich Volkstheater Wien). Im Erscheinen: "Das schwarze Unterkleid und andere Idyllen", Verlag Bibliothek der Provinz 2001. Er arbeitet gerade gemeinsam mit seiner Frau an einem Stück über Romy Schneider.
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